Historischer Hintergrund

Daoistische Naturphilosophie

Die Spuren des Wissens auf welche sich ein Qi Gong/Taichi Übender begibt, reichen bis in die daoistischen Strömungen alter chinesischer Kultur zurück. QI Gong („Arbeit mit Qi“) ist als Selbstpraxis / Selbst-Tun (die Chinesen bezeichnen dies oft auch als Selbstkultivierung) vor allem innerhalb der daoistischen Kultur entwickelt worden.
Im 6. – 3. Jahrhundert v. Chr. erlebte die daoistische „Naturphilosophie“, neben der bei weitem bedeutsameren konfuzianischen „Gesellschaftslehre“, einen nie wieder erreichten Aufschwung, welcher sich in vielen Aufzeichnungen und Schriften niederschlug. Bekannt sind vielleicht die „Klassiker“ des Lao Tsu (Daodejing) oder des Zhuang Zhu oder auch des Ge Hong. Die Schriften des legendären „gelben Kaisers“, ein Klassiker der chinesischen Medizin, werden jedoch oft schon um ca. 2000 v. Chr, bzw. noch früher datiert. „QI Forschung“ wurde sozusagen immer schon betrieben und reicht bis zurück in die Zeit Chinas matriachaler Wurzeln. Im Folgenden ein kurzer Blick/Vergleich der beiden wichtigsten Strömungen chinesischer Kultur: Konfuzianismus und Daoismus.

Konfuzianismus

Die Zeit des 6.-3 Jahrhunderts v. Christus wird auch als die „Zeit der streitenden Reiche“ bezeichnet. Viele kleinere und größere Fürstentümer und Dynastien kämpften um ihre Anerkennung und Vorherrschaft. Zu dieser Zeit treten einige, für die Folgezeit bedeutsame und prägende Persönlichkeiten auf. Einer der bekanntesten „Philosophen“ ist Konfuzius (551-479). Seine Lehre hat einen zentralen Einfluss auf das politische und allgemeine gesellschaftliche Leben Chinas bis heute. Fragen wie: „Was macht den Menschen aus – in seiner Stellung zwischen Himmel und Erde?“, „Was macht einen guten Menschen aus“ stehen im Vordergrund seiner Ideenlehre. Er antwortet auf die Wirren und Kämpfe seiner Zeit mit einem moralisch - ethischen Konzept. Der Mensch, so Konfuzius hat die Fähigkeit und die Verantwortung „gut“ und moralisch wertvoll zu handeln, da er sich von der Natur durch „ren“, durch Mitmenschlichkeit unterscheidet. Diese Fähigkeit überträgt ihm die Verantwortung, ja die Pflicht, für sein „Handeln- Können“ einzustehen. Die Ordnung des Kosmos ist auf ein ethisches und im Sinne seiner „Lehre“ richtiges menschliches Verhalten angewiesen. Dazu ist für ihn eine strenge hierarchische und patriachale Ordnung von Familie und Gesellschaft unentbehrlich. Es resultieren eine Vielzahl an Riten und Regeln, die in Nachfolgezeiten oft zu inhaltsleeren Ritualen verkommen.Das Revolutionäre und Innovative seiner Ideen ist jedoch, dass nun sogar ein einfacher Bauer, ein einfacher Mensch, ein „Edler“ werden konnte, was bis dato nur Adeligen vorbehalten war.

Daoismus

Anders hingegen die zweite große Strömung Chinas – der Daoismus. Die Antwort der Daoisten auf die Zeit der Kämpfe und Wirren ist die eines Rückzuges. Sie preferieren ein „Heraushalten“ aus zuviel gesellschaftlicher Aktivität. Wird eine Gesellschaft zu groß, müssen Regeln und Ordnung entstehen, welche dem Menschen, so die Daoisten, nicht zuträglich sind. Das beste Leben führt man in kleinen Gemeinschaften, die wenig Reglementierung brauchen. Man könnte sie auch als Freidenker oder als Naturphilosophen bezeichnen. Typisch für diese „Denker“ ist ihr Interesse an Naturforschung und an meditativer „Persönlichkeitsverfeinerung“. Für die Konfuzianer steht „der gute und edle Mensch“ im Vordergrund menschlichen Strebens. Für die Daoisten ist allein der „wahre Mensch“ ein Weiser. Dieser „wahre Mensch“ unterwirft sich keiner weltlichen Autorität, er folgt lediglich den Gesetzten des Dao. Das Dao ist ein Synonym für eine ursprüngliche, natürliche und spontane Kraft, oder ein alles durchdringendes Prinzip. Hat der Mensch genügend Zeit und Kraft für seine persönliche Kultivierung so strebt er danach mit diesem Dao zu „verschmelzen“.

Daoistisches Wissen

Die große kulturelle Leistung dieser daoistischen „DenkerInnen“ war m. E. eine prozesshafte Sicht, oder vielleicht besser ausgedrückt – eine ganzleiblich erfühlte Sicht der Welt zu entwickeln. Eine erfühlte Sicht der Welt, die nicht im „Spekulativen“ endet, sondern in ein komplexes entitätisch-konkretes Heilwissen mündet. Die alten DaoistInnen haben sich sozusagen auf die Erforschung subtilster Prozesse der Natur spezialisiert. Dieses Wissen bezieht sich auf die Wechselwirkungen der „Naturgesamtheit“ und auf das Phänomen „QI“, das in diesem Kulturkontext jedes Leben bedingt, aufbaut und durchdringt. Da QI jedes Leben bedingt – und aus diesem Fließen sich jedes weitere „Leben“ (heraus)entwickelt, wird verständlich dass QI in dieser alten Lehre zugleich entitätisches Fließen als auch ein „Prinzip“ darstellt. Als „Produkt“ dieser alten „Forschungen“ hat z. b. die chinesische Medizin mit ihren Beschreibungen des QI-Systems im Menschen, mit all seinen Energiebahnen /Zentren/Wechselwirkungen nunmehr ja auch in der westlichen Medizin seine Gültigkeit gefunden. Die Beschreibungen dieser alten „Naturphilosophie“ beziehen sich immer auf „QI“, auf jenen Begriff der eige ntlich nicht übersetzbar ist, da uns eine derartige Bezüglichkeit in unserem Naturverständnis fehlt.

Lernen östlicher Künste Qi Gong und Taichi

Will man Taichi / Qi Gong lernen , so lernt man seine Wahrnehmung, seine Vorstellung, (chin Ye) und seine Aufmerksamkeit zu schulen. Das Bewusstsein wird verfeinert um den QI-fluss erfühlen zu können. Dies geschieht über viele meditative Übungen in Bewegung und in Ruhe, ein Prozess der regenerativen „Qi- Entwicklung“ im Körper kommt nach und nach in Gang. Neben Bewegungsübungen sind z. B. auch sogenannte Stehübungen (zhan zhuang) mit oft nur sehr wenig äußerer Bewegung und kontinuierlicher Meditation Bestandteil des „Tuns“. Über lange Zeit verfeinert sich Bewusstsein und Wahrnehmung. “Nun wäre es naheliegend zu sagen, es handelt sich um eine „geistige“ Schulung. Das aber wäre völlig verkürzt, denn Geist/Bewusstsein (Shen), Vorstellung (Ye) und Qi sind nicht zu trennen. Es heißt: „kommt Ye - kommt Qi - kommt Shen.“ Über das kreative Vermögen des Geistes , der Vorstellung (Ye), und kontemplatives „Tun“ wird Qi nach und nach fühlbar, dadurch entsteht Shen, was in diesem Zusammenhang soviel bedeutet wie - das Bewusstsein ist fähig nun dieses „Fühlen- Können“ zu integrieren. Um jedoch diesen inneren QI Fluss zu verstärken/vermehren ist eine tiefe grundsätzliche Auseinandersetzung mit den Strukturen der gesamten Persönlichkeit notwendig.


„Wer kann trübe sein und die allmähliche Klärung der Stille nutzen?...dass die trübe Energie im Körper sich allmählich in klare Energie verwandeln wird, wenn die Menschen stillhalten und ruhig sein können...dass Bewegung ganz allmählich wieder einsetzt, wenn man lange Zeit still und in Ruhe gewesen ist.“ Aus dem Daodejing, ca. 3.Jh. v. Chr.