Ein benutzbares Quantenwissen - Qi Gong orientiert

Alexandra Tschom: Quantenwissen und Qi Gong, in: Helmut Oberlack (Hg.): Taijiquan & QiGong Journal, Heft 19 und Heft 20, Hamburg 2005.

„Was von dem sogenannten Ich vollbracht wird, vollbringt, das spüre ich, in Wirklichkeit etwas, das größer ist als das Ich  in mir selbst“ James Clerk Maxwell (Literatur).

Einleitung

Den Spuren der Quantenphysik zu folgen ist eine spannende und auch für Qi Gong- Menschen, so denke ich, in vielerlei Hinsicht interessante Reise. Ich selber bin seit einigen Jahren  Quantenphysik-Interessierte. Quantenphysik war für mich vor allem aus meiner Liebe zu östlichem Wissen interessant

Es gibt bekanntermaßen viele Beschreibungen und Vergleiche der Quantenphysik mit östlicher Mystik. Für viele Physiker war schon seit der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts klar, dass sie auf etwas gestoßen waren, das in alten, zumeist östlichen Schriften schon an Erfahrungswissen bestand. Dieses Wissen östlicher Mystiker über Strukturen von Raum/Zeit und Unendlichkeit  interessierte  in der Folge nun plötzlich auch aufgeschlossene, von der Quantenphysik begeisterte Physiker, wie z. B. Fritjof Capra, Niels Bohr und David Bohm. Fritjof Capras in wissenschaftlichen Kreisen etwas umstrittener Klassiker,das  „Tao der Physik“ sei hier vielleicht als bekanntestes Werk erwähnt. [2] Auch in neueren Abhandlungen über Physik und Natur finden sich Erläuterungen über die östlichen Wurzeln des Naturforschens, wie z. B. John D. Barrow  in  „ Die Natur der Natur“.[3] Diese Vergleiche sind auch mir sehr nahe. Durch meine eigene Erfahrung in Meditation und Kontemplation entspricht  mir eine diesbezügliche Herangehensweise, sie erweist sich als folgerichtig und spannend. Für meine eigene Praxis im Kontext östlichen Wissens waren diese kulturübergreifenden Studien unglaublich prägend.

Bei den Betrachtungen der Parallellen östlicher Mystik und Quantenphysik stehen allerdings zumeist die Aspekte der Unendlichkeit, der Qualität des Raumes, die Strukturen der Zeit und die Zusammenhänge aller kosmischen Strukturen im Vordergrund. All diese Studien behandeln kosmologische, oder vielleicht könnte man sagen, universale Themen, die mit mystischem Wissen verglichen werden und im persönlichen Erleben einer transzendenten Erfahrung entsprechen. Das ist faszinierend und für mich auch stimmig, aber auch ein wenig unpersönlich und jenseits alltäglicher, „banaler“ Erfahrung. Einen neuen, ziemlich innovativen  Versuch die Theorie der Quantenphysik neu aufzurollen hat nun Thomas Görnitz in seinen Buch „Quanten sind anders“ vorgestellt. Görnitz versucht  zu zeigen, dass die Theorie der Quantenphysik für uns vielleicht gar nicht so neu oder unbekannt ist, vielmehr seien wir in unserem Alltagsleben so sehr an die Wirkweisen dergleichen gewohnt sind, dass es uns gar nicht auffällt. Er greift deshalb andere, vielleicht bis dato weniger beachteten Stränge in seinen Sichtweisen auf. Er erklärt den Unterschied der klassischen Physik zur Quantenphysik weniger anhand der bekannten  Aspekte (Wirkungsquanten, Wahrscheinlichkeiten, etc.), sondern weist sehr anschaulich darauf hin, dass die „Erfahrungen“ der Quantentheorie in unserer alltäglichen Welt genauso vorkommen wie in der abstrakten Welt subatomarer Realitäten. Für ihn ist die Quantenphysik eine Physik der Beziehungen, der holistischen Strukturen impliziten Mehrwissens.(- dazu später mehr) Darüber hinaus thematisiert er auch den sogenannten Monismus, bei dem der Unterschied zwischen Geist und Materie lediglich ein pragmatischer ist, und beide Begriffe nicht mehr als wesentlich verschieden zu betrachten sind. Dieser Ansatz könnte seiner Meinung nach zu einem zeitgemäßeren Verständnis der ganzen Leib – Seele Problematik führen.

Für Praktizierer östlicher kontemplativer Praktiken bieten diese Sichtweisen, wie ich später versuchen werde zu zeigen, sicherlich stimmige  Denkimpulse und Anregungen. Bisher wurde die  Unterschiedlichkeit von klassischer Physik und Quantentheorie meistens mit den „ungeheuerlichen Unstimmigkeiten“ oder mit den Ungereimtheiten und uns völlig unbekannten und schwer verstehbaren Tatsachen verknüpft.Quanten gibt es scheinbar nur in der subatomaren Welt oder in den schwer vorstellbaren Welten der Lichtgeschwindigkeiten. Demzufolge scheint die klassische Physik für unsere Alltagswelt hinlänglich auszureichen.Spätestens bei den Begriffen einer verknüpften Raumzeit, oder etwa gar der Krümmung des Raumes steigen die meisten Laien gerne aus, da dies ja vermeintlich mit der eigenen Realität gänzlich wenig zu tun hätte.

Ich möchte in diesem Artikel  den Spuren der Quantenphysik im alltäglichen Erleben folgen, und sie dann auch in Beziehung zum Qi Gong - Erleben setzen.Zuvor aber, -der Vollständigkeit halber-, ein kurzer Überblick über die wichtigsten Neuerungen in der modernen Physik, anhand der Begriffe der „Wirkungsquanten“, der „Welle-Teilchen Dualität“, der „Wahrscheinlichkeiten“ und der „Unbestimmtheitsrelation“. Wem das nicht so spannend vorkommt, weiter ab: „Wirkungsquanten und Wahrscheinlichkeiten als immer gültige Erklärungen?“

Klassische Unterscheidungen

Quantenphysik - Newtons klassische Physik

Wirkungsquanten, Welle - Teilchen Dualität

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem die klassische Physik ihren weitreichenden Siegesfeldzug hinlänglich ausgebaut hatte, und die Natur bis auf ein paar Ungereimtheiten erklärbar schien, kam es zu beachtlichen Umwälzungen innerhalb der physikalisch/wissenschaftlichen Welt.Einer der ersten Pioniere der Quantentheorie Max Planck erregte mit seiner Quantenhypothese um 1913 Aufsehen. Ein gewaltiger Umbruch hatte begonnen.

Zur Geschichte: Michael Farraday gelang es  um 1838 in einer Kupferspule elektrischen Strom zu erzeugen, indem er einen Magneten nahe an der Spule bewegte. Auf diese Weise konnte er mechanische Arbeit (die Bewegung des Magneten)  in elektrische Energie umwandeln.James Clerk Maxwell konnte, darauf aufbauend, in den sechziger Jahren des19. Jahrhunderts, die Theorie der Elektrizität, des Magnetismus und die Theorie des Lichts vereinheitlichen.Newtons Begriff „Kraft“ wurden durch Farraday und Maxwell durch den Begriff eines „Kraftfeldes“ ersetzt. In Newtons Physik des ausgehenden 17. Jahrhunderts bildeten Objekte Masseteilchen in einem leeren Raum, die sich  gegenseitig anziehen. Diese  „Kräfte“ waren mit den Objekten noch fest und starr verbunden.

Diese „starren Kräfte“ wurden nun durch den Begriff eines Feldes erweitert. Farraday und Maxwell studierten elektrische und magnetische Kräfte. Sie erkannten, dass jede elektromagnetische Ladung um sich herum im Raum eine „Kondition“, eine Störung erzeugt, durch welche andere Ladungen „gefühlt“ werden. So wurden elektromagnetische Ladungen nun nicht mehr wie in der klassischen Physik als positive und negative Ladungen von Körpern verstanden, die sich klassisch mechanisch „anziehen“, sondern die Ladungen selbst wurden als Felder zu einer eigenständigen Größe. Die phänomenale Änderung dabei war, dass diese Felder nun ihre eigene Realität hatten.Maxwell nahm an, dass Licht nichts anderes als solch ein elektromagnetisches Feld sei, das sich wie eine Welle durch den Raum bewege.Das Medium, durch das sich Licht im Raum hindurch bewegt, wurde als Äther bezeichnet, bzw. angenommen. War Farraday die Vereinheitlichung der Theorien über Magnetismus und Elektrizität gelungen, so war es Maxwell gelungen diese beiden Theorien mit der Theorie des Lichtes zu verknüpfen.

Albert Einstein konnte mit seinen Relativitätstheorien jedoch beweisen, dass es diesen Äther gar nicht gibt, und Licht nicht durch eine klassisch-mechanische Theorie erklärt werden kann.Max Plank versuchte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu erklären, wie man Strahlung verstehen kann, die ein Körper (z. B. ein Stück Eisen) beim Erhitzen aussendet. Dafür hatte man zwar zwei gute, bewährte Theorien, die Elektrodynamik und die Thermodynamik, allerdings passten beide nicht so recht zusammen.Durch Maxwell wusste man, dass sich Licht in Form von elektromagnetischen Wellen bewegte. Plank konnte darüber hinaus nachweisen, dass die Strahlungsenergie nicht kontinuierlich, (wie man klassisch annehmen würde) sondern in Form von sogenannten Quanten, kleinen Portionen, abgegeben wird. Die Quantenhypothese war geboren.

Einstein konnte schließlich nachweisen, dass diese Quanten ein reales Phänomen der Natur sind. Licht und jede andere elektromagnetische Strahlung tritt nicht nur als Welle sondern auch in Form von Quanten auf.Die Lichtquanten, nach denen die Quantentheorie benannt ist, nennt man Photonen, welche masselos sind, und sich immer mit Lichtgeschwindigkeit bewegen.Zur selben Zeit, zu Beginn des 20. Jahrhundert,wurde auch die Natur und der Aufbau der Atome studiert. Man entdeckte, dass die Struktur der Atome nicht aus harten und festen Teilchen bestand, sondern aus weitem Raum, in dem sich extreme Kleinheiten bewegen. Nils Bohr wandte Plancks Quantenhypothese auf die Struktur der Atome an. Die subatomaren „Kleinheiten“ verhielten sich nicht nur so, wie Max Plank in seiner Quantenhypothese beschrieben hatte, sondern - auch im Sinne einer Komplementarität-scheinen sie sich einerseits als Wellen , andererseits als Teilchen zu bewegen.

Wahrscheinlichkeiten

Auf subatomarer Ebene verhält sich die Realität völlig anders als nach gewohnten “klassischen“ Annahmen zu erwarten wäre. Materie existiert nicht mit Sicherheit an einem bestimmten Ort, sondern zeigt „bloß“ eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zu existieren.War für Newton noch völlig klar, dass die Bestimmung für ein Objekt/Teilchen im Raum wesentlich durch Ort /Lage, Richtung und Geschwindigkeit bestimmt ist, so waren diese Annahmen in der Welt der subatomaren Teilchen nicht mehr folgerichtig.Vorgänge laufen nicht mehr in definierten Zeiten und an vorhersehbaren Orten ab. Sie erscheinen in Form von Wahrscheinlichkeitswellen, abstrakten mathematischen Größen, die Auskunft geben an welchen Orten zu welchen Zeiten Teilchen anzutreffen sind. Atomstrukturen gleichen Wahrscheinlichkeitswellen, die in verschiedenen Bahnen angeordnet sind, welche wiederum stehende Wellen bilden.Befindet sich nun ein Elektron in  seinem „Grundzustand“, (auf seiner normalerweise gegebenen Bahn),  kann es durch Energiezufuhr auf eine höhere Bahn springen, von welcher es nach einiger „Zeit“ wieder in seinen Grundzustand zurückfällt, unter Abgabe eines Quantums elektromagnetischer Strahlung.

Unbestimmtheitsrelation

Heisenberg konnte zeigen, dass niemals Ort und Impuls eines solchen „Teilchens“ zugleich exakt bestimmt werden können.Insofern ist auch der Begriff „Bahn“ unrichtig, denn Elektronen „kreisen“ nicht, sondern bilden eher ein Kraftfeld um den Kern, mit welchem sie die „Atomschalen“ auffüllen. Der Impuls eines Teilchens ist mit Wellenlänge verbunden, jeder Ort ist für den Impuls gleich gut.Ebenso kann an einem scharfen Ort jeder beliebige Impuls gefunden werden.Materie ist somit keineswegs Masse, die irgendeinem Stoff entspricht, sondern Energieform einer dynamischen Struktur.

Wirkungsquanten und Wahrscheinlichkeiten als immer gültige Erklärung?

Görnitz verweist nun darauf, dass die sogenannten „Wirkungsquanten“ zwar ein wesentliches Faktum der ganzen Neuerungen in der Physik sind, dass jedoch mittlerweile festgestellt wurde, dass es viele Erscheinungen innerhalb dieser Theorie gibt, die nichts von solch portionsweisem Verhalten zeigen.[5]Nachdem Heisenberg und Schrödinger die mathematische Gestalt der Quantentheorie aufgestellt hatten, zeigte sich, dass viele Messresultate nur wie bereits erwähnt, mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten aufgestellt werden könnenGörnitz verweist in diesem Zusammenhang aber auf das wohl bekannte Beispiel der Atomuhren, die in Millionen von Jahren auf die Sekunde genau gehen.Wahrscheinlichkeiten werden in der klassischen Physik immer noch als eine Art mangelndes Wissen gehandhabt und verstanden In der Quantentheorie drücken sie aber eine objektiv gegebene Unbestimmtheit aus, die mit dem Wesen der Quantentheorie einhergeht. Wahrscheinlichkeit ist somit vielmehr ein Teil der Theorie, der ihre Qualität, und nicht ihre Unzulänglichkeit ausdrückt

In der klassischen Physik gilt: ein Zustand liegt entweder vor oder nicht. Es gibt keine dritte Möglichkeit. Als Quantenlogik gilt: liegt ein Zustand vor, so kann bei einer Überprüfung ein anderer erhalten werden. Es gilt nicht mehr Ja oder Nein. Dies kann aber als ein Mehrwissen und nicht als Unzulänglichkeit aufgefasst werden

Eine Erweiterung transzendentaler Ästhetik

Görnitz schlägt eine andere Herangehensweise vor, die er mit Kants Ansatz der transzendentalen Philosophie vergleicht. Das bedeutet für ihn, die Wirkweise der Quantentheorie als Grundlage unserer Erfahrung  zu erkennen.

Kant hatte zu seiner Zeit versucht, die Erklärung aller wahrgenommenen Phänomene in den Strukturen gegebener Wirklichkeit zu beschreiben. Die Form, oder der Rahmen seiner transzendentalen Ästhetik waren Raum und Zeit als etwas a priori Gegebenes. Das heißt, wir können gar nicht anders als die Basis der Natur wie sie uns eben in unserer Wahrnehmung erscheint, als Grundlage der Erfahrung anzunehmen. Diese Annahme setzt voraus, dass uns die Strukturen jedweder Natur, ob bewusst oder unbewusst, vertraut und bekannt sind.

So wie Kant Newtons Erkenntnisse als Basis der Erfahrung beschrieben hatte, und damit lang anhaltende und weitreichende Wirkungen erzielt hatte, müsste dieses Programm nun durch zeitgenössisches Wissen erweitert werden. Das würde bedeuten, dass man nicht mehr versuchen könnte, Newtons Physik für den Alltag als ausreichend gültig zu erklären und die Quantentheorie in den subatomaren Raum zu verbannen. Sowohl die Erkenntnisse der Quantenphysik, die vieles an wahrgenommener Erfahrung gut beschreibt, als auch die Erkenntnisse der Psychologie, die unser Erleben wesentlich mitprägt, müssten  in die Struktur Kantscher transzendentaler Ästhetik einbezogen werden.Ich werde im folgenden ein paar wesentliche Aspekte dieses Ansatzes, der natürlich wesentlich komplexer ist, herausgreifen.

Quantentheorie - eine Physik der Beziehungen

Klassische Naturwissenschaften - eine Theorie der Objekte

Newtons Annahmen gehen von der Realität gegebener Objekte im Raum aus.Diese Objekte/Teilchen lassen sich in der Mathematik mit Punkten beschreiben und darstellen, dessen Masse im Schwerpunkt konzentriert ist.

Ein solcher Punkt ist in einem bestimmten Zustand, der in einem Koordinatensystem mit Länge /Breite/Höhe (3 Zahlen) angegeben ist. Für die Bewegung/Geschwindigkeit nach Größe und Richtung braucht man weitere 3 Zahlenwerte. Der Zustand eines Punktes ist also nach klassischer Physik mit 6 Zahlenwerten exakt bestimmt. Zwei Punkte im Raum werden mit 6+6 Zahlenwerten bestimmt, die Anzahl der Parameter wird also addiert, ihre Beziehung zueinander in Form von Lage /Größe /Bewegung im Raum ist damit erfasst. Je mehr Punkte desto mehr Addition. Mit „Kräften“ wird die Interaktion der Teilchen beschrieben.Klassische Physik liegt dann vor, wenn in der Kombination von Objekten zu einem Ganzen, dieses Ganze als Summe seiner Teile aufgefasst wird.In einer quantentheoretischen Beschreibung werden die Zustandsräume nun nicht mehr addiert sondern multiplikatorisch verwendet.Die Summe ist nun mehr als seine Teile. Die  Beschreibung zweier Teilchen im Raum in der Beziehung zueinander ist nun nicht mehr von 6+6 Zahlen bestimmt, sondern von 6 x 6 möglichen Zuständen. Man kann sich ein Objekt mit seinen möglichen Zuständen vorstellen und davon einen beliebigen wählen. Dieser wiederum steht in unendlicher Beziehung zu seiner Umgebung. Einem klassischen Zustandswert entsprechen unendlich viele Quantenzustände.Bei quantentheoretisch beschriebenen Modellen kann man den „logischen Schluss“ ziehen, dass es sich nicht um klassische „Zustände“ handelt, sondern um unendlich gegebene Möglichkeiten dergleichen.

Mehrwissen / Beziehungsgeflecht

Wenn wir individuelle persönlicher Erfahrung und Wahrnehmung mit der Quantentheorie verknüpfen, wird diese um vieles verständlicher, so Görnitz.Ein Quantensystem zweier Teilchen ist ein unendliches Geflecht an Möglichkeiten. Dieses Geflecht wiederum kann selbst als (eigenständige) Struktur beschrieben werden. Es stellt gewissermaßen ein komplexes Ganzes dar, kann aber auch wieder auf zwei Zustände (teile)  herunterdividiert werden, dabei verliert es allerdings viel von seinem individuellen Gesamtcharakter.Das Beziehungsgeflecht (die Struktur als Ganzes) beinhaltet also ein Mehrwissen, und bei all seinen Interaktionen müssen diese „Beziehungsumstände“ berücksichtigt werden.Ein quantentheoretisch beschriebenes System (Struktur, Beziehungsgeflecht, Ganzes) kann also nur um den Preis eines beträchtlichen Informationsverlustes zu einem System aus Teilen reduziert werden. Dass wir diese Reduktion dennoch immer wieder vornehmen, liegt daran, dass wir daran gewöhnt sind, aus der klassischen “Teil-Persprektiv-Brille“ in die Welt zu schauen.

Für die gesamte Naturbeschreibung ist die Reduktion auf eine zerlegbare objekthafte Welt  mangelhaft. Diese Erkenntnis hatte die Entdeckung der Quantentheorie zur Folge. Auch die nichtlineare Feldtheorie veranschaulicht die Unmöglichkeit nicht-holistischer Objekte. In der Relativitätstheorie gibt es ein über den ganzen Kosmos verteiltes Gravitationsfeld innerhalb dessen keine Zerteilungen oder Begrenzungen gezogen werden können.

Anknüpfung an alltägliche Erfahrung:
Wir erleben uns als unteilbares holistisches Ganzes  in ständiger Kommunikation und Wechselwirkung mit unserer Umwelt/Umgebung. Wir können unser Inneres aber auch als zusammengesetzt aus „Teilen“ denken  (z.B. aus Köperteilen, inneren Anteilen, etc..)   dennoch wird unsere ganzheitliche Erfahrung als Individuum dadurch nicht aufgegeben. Wir sind aber so an die Tatsache gewöhnt, uns sowohl als Ganzes als auch in Analogie als Teile zu denken, dass es uns oft gar nicht bewusst ist.Wird zum Beispiel jemand nach einen Unfall mit Beinbruch ärztlich versorgt, und somit wiederhergestellt, sind nach klassischer Auffassung alle Teile wieder funktionsfähig.Äußerlich scheint alles beim Alten, aber wie sich der mögliche Krankenstand auf seine Umgebung, die Zeit der Schmerzen auf die Person u.v.a. auf die Gesamtheit des Individuum und dessen Beziehungen zu seiner Umgebung ausgewirkt hat, bleibt unberücksichtigt. Gleichgültig ob sich dieses Ereignis nun wiederum für die Entwicklung des Individuums als förderlich oder nicht herausstellt.

Holismus

Zustände sind keine statischen Eigenschaften, sondern vielmehr eine unendliche Vielfalt an  Beziehungen. Ein Zustand ist lediglich mit allen Möglichkeiten die aus ihm erwachsen können zu denken.Ein Geflecht an Beziehungen ist als Ganzes ein Geflecht an impliziter Information, die in ihrer Ausschließlichkeit niemals „gemessen“ werden kannGleichgültig ob wir Zugang zu diesem Mehrwissen haben oder nicht, steht es implizit zur Verfügung, bzw. ist im „System“ vorhanden/gespeichert. Betrachten könnte man dieses Mehrwissen als so etwas wie ein Guthaben. Bei näherer Bestimmung (Messung) kann nur ein „Weniger“ an Information daraus gezogen werden. Hierbei geht  nun tatsächlich bei einer Messung/Überprüfung „Mehrwissen“ verloren.

Ich denke, auch das kennen wir aus unserer Erfahrung. In der klassischen Medizin, und auch in der klassischen Psychoanalyse wird durch Sammlung von Informationen im klassischen Sinn eine Diagnose erstellt. Eine Verdichtung an Hinweisen weist auf eine mögliche Erkrankung in einem Teilbereich des Gesamtsystems hin. Der therapeutische Weg beginnt mit einer Faktensammlung, bzw. mit bestimmten durchgeführten Messungen. Das tatsächliche Mehrwissen des Individuums wird hierbei wenig genutzt, und geht zumindest in der klassischen Behandlung/Therapie verloren.

Wir beschreiben uns als Individuen, als Ganzheiten, die nicht geteilt werden können. Betrachten wir uns aus der Teile-Perspektive oder werden wir aus dieser Perspektive beschrieben oder behandelt, geht ein unendliches Spektrum an Mehrwissen verloren. Menschen verhalten sich nicht wie Objekte im Sinne einer Vorhersagbarkeit zueinander. Beziehungen sind von einer unendlichen Möglichkeit an Interaktion und Veränderung bestimmt, mit der wir tag ein, tag aus leben. (oder leben müssen..)

Zeitliche Vorgänge

Wissen jeglicher Art ist, um sein zu können, nicht an Materie gebunden, sondern kann als Energie einfach vorhanden/gespeichert sein, so Görnitz, Das heißt, Wissen muss um sein zu können noch nicht gewusst werden. Um Wissen allerdings reflektieren zu können braucht es ein höher entwickeltes Individuum.Man könnte die Hypothese aufstellen, dass ein Individuum also gar nicht anders kann als in Beziehung/Relation zu einem impliziten Mehrwissen zu stehen, denn sonst könnte es niemals Information aus seiner Umgebung aufnehmen, integrieren und weiterentwickeln.

Wir nehmen die Welt, wie man weiß, nicht in ihrer absoluten Ganzheit wahr. Unser Blickwinkel ist geprägt von unserem eigenen Erleben, unseren Kindheitserfahrungen, etc.. In Form von gespeicherten Traumatisierungen tragen wir gleichsam immer die Vergangenheit mit uns herum. Diese alten „Raumzeiten“ sind immer präsent und bestimmen durch Projektionen die Stereotypien in unserem gegenwärtigen Handeln, etwas, das auch in der zeitgenössischen Philosophie thematisiert wird. [11] Auch das könnte man als einen weiteren Verweis betrachten, dass Zeit keine absolute lineare Größe darstellt, sondern ein Kontinuum.

Solange dieses implizite Mehrwissen nicht bewusst ist, sind die Projektionen aufrecht, und der Handlungsspielraum, die Möglichkeiten der Handlungsfähigkeit werden als mehr oder weniger eingeschränkt erlebt.Man könnte also die Theorie aufstellen, je mehr eine Anbindung an Mehrwissen/Information generell erfolgt, desto eher die Chance einer Selbstreflexion, die dazu beiträgt, Projektionen zu erkennen und aufzulösen.Beziehung im Sinne eines Geflechtes ist mehr als die Interaktion zwischen zwei Objekten, so die Quantentheorie, sie kann als eigenständige Größe betrachtet werden.

Anknüpfungen an Qi Gong und Taichi

Nun- schon beim Lesen dieser Zeilen tauchen für QI Gong Interessierte sicherlich viele Parallellen zu ihrem eigenen Erleben auf.Das Erlernen östlicher „Methoden“ ist in vielerlei Hinsicht vergleichbar mit dem Umstieg aus mechanistischen Denkmodellen in eher quantenphysikalisch anmutende Denk- und Wahrnehmungsräume. Welt und Wirklichkeit, so wird durch kontinuierliche Praxis dem Lernenden im QI gong bewusst, kann/könnte man auch noch ganz anders betrachten. Der Mensch als vernetztes holistisches Ganzes, ein ungeheures Potential an implizit gespeicherter Information. Information, die man vage mit Unbewusstem, Vorbewussten, bzw. gespeicherter leiblicher Information benennt.  Geht man einen Schritt weiter, so könnte man sagen, eine dieser Ebenen in denen dieses implizite Mehrwissen, ja überhaupt gänzliche Information über uns als holistische „Ganzheiten“ gespeichert und „transportiert“ wird, ist- sicherlich „Qi“.Etwas, das die alten Chinesen in ihrem kontemplativen Forschen über die Natur schon vor langer Zeit „erfahren“ haben.

Bewegung

Vorab jedoch ein paar Zeilen zum ganz simplem Begriff „Bewegung“. Bewegung ist für die meisten Menschen im westlichen Kulturkreis weit davon entfernt Spaß zu machen,  oder etwas gar Lust zu bereiten.Bewegung wird zumeist als anstrengend empfunden, scheint Mühe zu machen, oder  ist mit sportlichem Leistungsdenken und dem damit einhergehendem Druck verknüpft.Diese „Unlust“ hat sicherlich  viele Ursachen, die schon oft in verschiedenster Weise thematisiert wurden (Erziehung, Schule, Arbeitshaltungen etc…)Eine wesentliche Ursache dieser Unlust „sitzt“ mit Sicherheit im mechanistischen „Bewegungsapparatedenken“.  Empfinde ich meinen Körper als Art Maschine, als „Werkl“ um das ich mich halt kümmern muss, liegt, - und das fällt zuerst oft gar nicht auf-, eine merkwürdige Abspaltung vor. Ich - und mein Körper, ich - und meine Muskeln, ich-  und meine Gelenke..... Wer aber ist dieses getrennt vom Körper existierende Ich?

Armer alter Descartes, was hast du uns mit deiner Teilung zwischen Geist (res cogitans- das denkende Ding) und Materie (res extensa- die ausgedehnte Sache) in die Welt gebracht. Im 16. Jahrhundert war er aber „beileibe“ nicht der erste, der einen getrennten Geist in einem getrennten Körper vorgefunden, oder erfunden hat. (Ich möchte hier nicht weiter auf die Geschichte dieses Denkens eingehen, sondern den Spuren zu einem ganzheitlicherem holistischem „Selbt- Empfinden“ folgen.)

Wenn ich in der Empfindung meiner „Selbst“ nicht verbunden und verwoben bin mit „allem was ich bin“, also auch mit meinen Köper, so werde ich mich immer getrennt, ja scheinbar auch ihm (dem Körper) ausgeliefert fühlen. Denn das, was wir als Körper bezeichnen, spielt oft so gar nicht  recht mit, wenn der Geist etwas  will  - von „ihm“.Eine der westlichen Lösungen ist „ihn“ (den Körper) mittels des Geistes, mittels gezieltem Denken, unter Kontrolle bringen zu wollen, dennoch zeigt die Erfahrung, dass er (der Körper) ein unberechenbarer Faktor bleibt.

In meiner Arbeit ist es mir zu allererst ein Anliegen, dass Bewegung wieder als Lust erlebt und empfunden wird, - und zwar alles was sich „da“ bewegt. Wie kann sich ein Geist von einem Körper getrennt bewegen?  Fließendes QI in den Meridianen, mein Fleisch und Blut „tun“ und bewegen sich zusammen, sind miteinander präsent im Erleben. Beziehe ich im Lernen immer dieses Ganze (eine Gleichzeitigkeit von fließendem QI, Körper, Gedanken, usw.) mit ein, dann scheint vieles auf einmal ganz von selber zu gehen. Freude an  der  Bewegung kommt mit der Zeit ganz von selber. Ja wie soll denn sonst QI Gong oder Taichi  die Chance haben  in irgendeiner Weise auch als  lustvoll erlebt zu werden?

Die QI Strukturen

Qi fließt in uns, hat  seine eigenen Strukturen, füllt und sammelt sich in Meridianen[12]und Energiezentren. Eine Blockierung, bezeichnen wir sie hier einfachheitshalber als verdichtetes oder verknotetes Qi, sitzt zwar in irgendeinem „Körperteil“, die Wurzel oder Ursache kann aber, - wie man ja auch in der Akupunkturtherapie weiß, ganz woanders liegen. Der nach außen auftretende „Ort“ oder das „Körpersymptom“ kann sozusagen auf einen anderen Ort, auf einen anderen Qi Strom, ja auf eine erst mal gar nicht seh- oder verstehbare „Wurzel“ verweisen.

Ein Qi Strom ist wenig an eine „Körperteilewelt“ gebunden, er organisiert sich an weit dahinterliegenden, aber dennoch vorhanden, Strukturen.Durch Üben und Praktizieren von QI Gong oder anderen kontemplativen Praktiken werden dieses QI Strukturen langsam, nach und nach fühl- und spürbar.Zuerst zeigen sich vielleicht Wahrnehmungen, wie ein gutes, warmes oder einfach ganzheitliches „Gefühl“. Nach längerer Zeit des Übens werden die Empfindungen eines angenehmen Fließens und Strömens vielleicht deutlicher, genauso werden nun  aber auch blockierte, verknotete und verdichtete QI Bereiche aufgespürt. Diese „Teile“ zeigen sich zuerst wahrscheinlich als „Körpersymptome“, als Verspannungen, Verhärtungen oder einfach auch als beklemmende Gefühle in verschiedensten „Körperteilen“. Man könnte sagen, eine dahinter liegende Struktur, die dem Lernenden bis dato wenig bekannt war, zeigt sich nun, will sich öffnen um bemerkt werden zu können.

Eine Struktur die ich „auch bin“, die mir jedoch aufgrund meiner kulturellen Prägung weniger vertraut ist, kommt in meine Wahrnehmungsräume.Ein „Etwas“ (an alten Gefühlen, gestauter oder blockierter Energie )  will sich vielleicht zeigen und mir die Richtung weisen. Spuren auf der Gefühlsebene, die ins Denken kommen, oder die Empfindung von „Verknotungen“ in anderen Meridianen oder QI-Bereichen machen sich bemerkbar. Bin ich diesen „Anteilen“ von mir auf der Spur, ist es gut, ein heilsamer Weg kann beginnen.  Beharre ich im weiteren Vorgehen  aber darauf, dass ich „diesen lästigen Teil“ nun schnellstens wieder in Ordnung bringen muss, laufe ich Gefahr dass Erfahrungen wieder trüber werden, unklarer, oder mich die Praxis in die Irre führt.

Weiß ich aber, dass dieses „Etwas“, nennen wir es „verknotetes QI“, an ein implizites Mehrwissen gebunden ist, an ein holistischen Ganzes, kann ich ruhig auch wieder jenes „Körperteil“ betrachten, ohne dass ich aber an der „Wahrheit“ eines Teiles hänge, oder genau an jenem „lästigen Teil“ kleben bleibe..

Wir behandeln uns als viele Teile unseres Selbst, weil wir gewohnt sind in Teilen zu denken, (Körperteile, unbewusste Anteile, etc...) In der Tradition klassischer Physik, in der wir ja auch aufgewachsen sind, scheint uns dies möglich zu sein, ja - irgendwie vertraut.In meiner Arbeit verwende ich das Wort Körper in dem alten „Teilekontext“ schon lange nicht mehr. Auch lernen die Leute viel schneller, wenn ich erst gar nicht in Körperteile-Denkart erkläre, sondern im Sinne eines holistisch fließenden Ganzen. „Nimm alles was du hast- ob Denken, Vorstellung, Gefühl. etc…nimm alles was du kannst.“ - Ist das „gegessen“, kann ich auch wieder „teilehaft“ erklären.Klingt paradox, ist aber ganz einfach. Solange ich weiß, dass die ganze „Teilerei“ eigentlich gar nicht geht, kann ich mich auch wieder in hundert Körperteile auflösen, in einen Körper, eine Psyche, eine Seele in wer weiß was noch alles .......

In der Quantenphysik würde man sagen, wir wissen dass es eigentlich unmöglich ist, ein holistischen Ganzes auseinander zu dividieren.  Weiß man das aber, so kann man getrost weiterhin so agieren, als ob..., bindet dabei aber auch immer das vorhandene Mehrwissen (wie ein Guthaben) mit ein (alles was sich jetzt eben gerade nicht zeigt). Schlicht und einfach der veränderte Blickwinkel macht den wesentlichen Unterschied. (auch im Erleben)

Das „Ich“ in der Meditation

Geht man im Prozess der Meditation davon aus, dass dieses „Ich“,  das da tut  ein unendlich verwobenes und versponnenes „Ich“ ist, wird vieles an alten Übungsanleitungen und Erfahrungsberichten besser verständlich. Mitnichten ist dieses „Ich“ der klassische unabhängige newtonsche Beobachter, ich bin immer nur ein verstrickter, meditierender   „Irgendwer“. -und immer involviert. Ich kann gar nicht anders.Also geb ich das unabhängige Beobachtenwollen erst einmal auf, denn ich kann mich gar nicht in eine distanzierte Position bringen. Darum kann dieses „Ich“ auch eigentlich aktiv gar nichts so recht zum Prozess beitragen, denn es  würde immer nur Verwobenen –Bekanntes und vor allem ohnehin schon gewusste Denkspuren  aufgewärmen. Was dieser/e Versponnene aber tun kann, ist „dabei“ bleiben und warten. Warten was sich zeigen wird, und dann, wenn sich langsam, vage, zögernd etwas zeigt, interessiert folgen.

Ich bemerke Gedanken, Geräusche, Stimmungen, spalte diese nicht ab, sondern bemerke all das, ohne mich aber daran zu „hängen“. Folgen, vielleicht mehr im Sinne von,  - sich selbst möglichst wenig im Wege zu stehen. (Da kommen die alten Chinesen wieder mit ihrem „Tun durch Nicht Tun“ zum Zug).

Wenn östliche MeisterInnen zitiert werden im Sinne von: „ zu viel Denken sei schädlich oder zu viele  Fragen nicht erwünscht“ , dann ist damit nur gemeint, dass  unser logikorientiertes Denken hier im Wege steht. Denn ein rationales, rein vernunftorientiertes Denken kennt sich bei meditativen und kontemplativen Prozessen ganz einfach nicht aus und versucht dauernd, und viel zu früh, zu interpretieren und „gescheit“ zu sein.Die Möglichkeiten unserer ganzheitlicher Denkwahrnehmung, unseres kritisch, neugieriges Denkvermögens jedoch nicht zu nutzen, wäre absolut unsinnig. „Wir sagen zwar, der erste Schritt besteht darin, wahllose Gedanken loszuwerden, doch heißt dies nicht, dass es nur darum geht, sich mit dem Denken zu befassen. Wenn du dich allen Dngen entfremdest und an überhaupt nichts mehr denkst, geht es bergab mit dir , und du wirst nichts mehr bewirken können, so dass andere allen Glauben an kühle Objektivität verlieren. Das solltest du bedenken und klar erfassen.“ Sun Bu Er 12Jh. V. Chr.

Kontemplatives Wissen

Schon bei den ersten Begegnungen zwischen westlichen Physikern und östlichen Lehrern wurden, wie oben schon erwähnt, die Parallelen östlichen und westlichen Wissens betont. Capra verweist hierbei auch auf die Parallellen in Bezug auf Hingabe und Intensität der Forschenden.Muss  man als Physiker lange Ausbildungen in Kauf nehmen, und viel Geduld und Zeit investieren um sich auf die Spur der Quanten und Quarks begeben zu können, so ist auch der östliche Lernende auf viel Zeit, Geduld und Hingabe angewiesen, um  in seiner kontemplativen und meditativen Praxis einen Erfahrungsprozess beschreiten zu können.Beide hüten sich vor  zu schnellen Interpretationen und überprüfen sorgfältig ihre Ergebnisse, um nicht in Halbwahrheiten oder Scharlatanerie abzugleiten.

In den Gesprächen eines David Bohms mit Krishnamurti, in den Recherchen eine Fritjof Capras, oder auch in den Auseinandersetzungen Ken Wilbers mit Wissenschaft und Religion, wurde im vorigen Jahrhundert erstmals die Tatsache gewürdigt, dass es mehrere Formen des Wissens, bzw der Wissensfindung  gibt. Diese Erkenntnis wurde auch bei weniger östlich interessierten postmodernen Philosophen, wie Lyotard oder auch bei Derrida explizit formuliert. Naturwissenschaftliches Wissen hatte als „alleiniges Wissen“ und als „sicherste“ Methodik und Herangehensweise ausgedient.

Zurück zu östlicher und somit kontemplativer Wissensfindung. Wodurch sich östliches Wissen in seiner Herangehensweise von  westlich wissenschaftlichem Denken unterscheidet  beschreibt  Ken Wilber in seinem Buch „Naturwissenschaft und Religion“ recht anschaulich.Er zeigt, dass es sozusagen drei Hauptebenen gibt, mittels der wir Wissen und Erkenntnis über die Welt gewinnen können (er benennt diese als das „Modell der drei Augen“).Die erste Ebene betrifft unsere Sinne. Er nennt sie die „Augen des Fleisches“, womit wir die Natur, Gegenstände und  Dinge  beschreiben und untersuchen können.
Die zweite Ebene betrifft unsere geistigen Augen, also die Fähigkeit  abstrahierend denken zu können, die wir benötigen um z. B. mathematische Aufgaben lösen (wer hat schon einmal eine Wurzel aus 2 gesehen?)  oder in verschiedenen Bereichen Lösungen mittels geistiger Überlegung zu finden.
Die dritte Ebene betrifft das Vermögen der Kontemplation. Dieses dritte „Vermögen“, das Auge der Kontemplation, mittels dessen wir über die rein sinnliche und geistige Ebene hinaus Erkenntnisse und Wissen sammeln können, ist uns jedoch in der westlichen Welt nicht mehr allzu bewusst, bzw .ist uns  eher abhanden gekommen.

Kontemplation oder Meditation sind, einfach formuliert, Fähigkeiten der Erkenntnisfindung, die uns Menschen wahrscheinlich schon seit grauer Vorzeit bekannt sind.Wenn man so will, gibt es einen kontemplativen Blick auf Welt und Wirklichkeit, mittels dessen Erfahrungen gemacht werden können, die sich nach längerer Praxis auch als beständig oder in ihrer Struktur auch bei vielen Praktizierenden als ähnlich erweisen.

Das scheint aber für die westliche Kultur bedrohlich zu sein, da weniger greifbar. Den Sinnen und der Wahrnehmung wurde schon immer misstraut, wie sehr dann natürlich einer „erweiterten Wahrnehmungsfähigkeit“.  Natürlich ist hier Vorsicht angebracht. Zu schnelle Interpretationen meditativer Erfahrung sind irreführend. Die Einbildung spielt dem Übenden oft Streiche, und Erfahrungen müssen sehr sorgfältig beachtet, überprüft und besprochen werden.Es ist m E. ein großer kultureller Verdienst der östlichen Kulturen, Wissen auf eben diese Weise schon vor so langer Zeit in die Welt gebracht zu haben.  Dass es die Möglichkeit eines kontemplativen Tuns gibt, wodurch sich der forschende  und Erkenntnis sammelnde Blick auf die Natur  (und somit auch auf uns) verändert- , ja auch das muss einmal, mit unserer Sprache gesprochen „erfunden“ worden sein.

Natürlich verfügen wir in unserer Kultur auch über kontemplative Erfahrungen. Die Chinesen verfügten einfach schon weit früher über ein umfangreiches Schriftsystem, das ihnen ermöglichte  Aufzeichnungen und „Erfahrungsberichte“ besser zu transportieren und in ein unglaublich komplexes, gut  dokumentiertes Heilwissen zu integrieren.Die Daten wurden sozusagen, im Gegensatz zu unseren Breiten, besser evaluiert und archiviert, dadurch ist es uns heute möglich chinesische Medizin, als ein System des alten Heilwissens, welches kontemplativer Erfahrungen und empirischer Überprüfung entsprungen ist, zu erlernen.

Wissen geht natürlich auch immer mit Macht einher. Auch  dieses Wissen wurde innerhalb seines Kulturkreises oft missbraucht. Dogmatische gesellschaftliche  Systeme dienten oft auch in China dazu  dieses Wissen in einer möglichst hierarchischen Überhöhung, oder in einem überzogenen „Wahrheitsanspruch“  darstellen zu können.

Der Prozess

Wenn QI beginnt sich durch Üben bemerkbar zu machen, wird diese Ebene und damit auch all die damit verknüpfte Information „angerührt“. Diese gespeicherte Information will bemerkt werden, will sich zeigen, will in Erleben und Erkenntnis integriert werden.Im Prozess des Übens und Lernens kontemplativer Praxisformen durchläuft sicher jeder verschiedenste Phasen. Von einer ersten Erleichterung (..“ah ich spüre und fühle mich wieder....“) oder einem ganzheitlicherem  Erleben z. B. der Natur,  bis zum Bemerken alter verdrängter Gefühle und Emotionen, die nun quasi aufgeweckt werden.Oft erleben die Übenden ihre Umwelt (Menschen, Natur) intensiver, die Sinne öffnen sich mehr und mehr, aber auch Stress und Hektik wird nun unangenehmer als zuvor empfunden.Es bedarf großer Sorgfalt und Hinwendung um mittels liebevoller Zuwendung gerade „beleidigte“ alte Qi Strukturen langsam aufzuarbeiten.Zeiten des Übens/Praktizierens i und Zeiten des Aufarbeitens, des Durcharbeitens alter Emotionen, sollten sich abwechseln und auch ihren Platz haben

Im Verlauf des Übens wird der  Praktizierende Erfahrungen von „nicht einordenbaren Körperempfindungen“ machen, wie Hitze, Kälte, sprunghafte Wahrnehmungen von inneren Bewegungen, usw. Neben angenehmen Empfindungen können auch alte, längst vergessen geglaubte Symptome in leichter Form wieder auftauchen, wie leichte allergische Reaktionen, leichte Hitzeschübe und dergleichen. All diese Empfindungen tauchen auf und verschwinden wieder. Sich einzulassen auf diesen, zu Beginn auch oft verunsichernden, Prozess  ist gar nicht so leicht.

Geh ich aber davon aus, dass ich ein holistisches komplexes Ganzes bin, so ist dieses Anrühren, dieses erste Steigen des QI ein Prozess in dem sich nun erste Qi Empfindungen regen. In unserer klassischen, eher naturwissenschaftlich geprägten Weltsicht kommen solche a-logischen Phänomene jedoch nicht vor. (oder doch, nur wurde ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt)Nun aber tauchen Empfindungen auf, kommen und gehen, scheinbar zufällig und holprig, verwirrend und undefinierbar.Was einem da als Spuk oder Streich der Wahrnehmung erscheint, ist aber nichts anderes, als dass sich eine neue bis dato unbekannte, weil nicht  beachtete und nicht wahrgenommene quasi „dahinterliegende“ Ordnung und Struktur zeigt. Dieser Prozess diese QI Empfindungen sind nicht einfach zufällig, oder irgendwie beliebig, sondern haben ihre eigene folgerichtige Logik.

Das QI System beginnt, angeregt durch den Prozess des Übens, sich zu melden und – in einem holistischen Sinne, zu reagieren und sich zu regenerieren.Geh ich weiter davon aus, dass dieses QI  nicht getrennt ist von Gefühlen, Empfindungen alten Emotionen und Erinnerungen, dann ist klar, dass eben diese „auftauchen“ um verarbeitet werden zu können. Oft geschieht dieses „Melden alter gespeicherter Emotionen“ in Träumen,  oft auch in Gefühlen, die sich wieder scheinbar aus heiterem Himmel, - plötzlich,  einstellen.

„……ah da meldet sich was..“ und vielleicht gar nicht einmal während des Übens sondern erst ein paar Stunden später oder erst am nächsten Tag, oder vielleicht am Abend wenn Körper und Geist zur  Ruhe kommen. Eine Empfindung, erste Wahrnehmungen, ein sich „Bewegen“ innerer Strukturen, ein „irgendetwas“ meldet sich.

Was verwirrt, verunsichert, bedrohlich scheint, ist eigentlich ein Zeichen dass QI sich zeigt und zu arbeiten beginnt. Wir verstehen uns nur erst einmal nicht darauf, diese Zeichen zu deuten und ihnen als Spuren in ihrer eigenen Ordnung zu folgen.Im Prozess des QI Gong Übens kann ich mich aber, und das finde ich dabei das Schöne, darauf verlassen , dass ich nicht  ewig im „strukturlosen Durcheinander“, im Nebel herumwaten muss, auch wenn es mir erst einmal so scheint. ‚Ich kann mich darauf verlassen, dass diese Verwobenheit, dieses implizite Wissen eine Struktur hat, nur  - ich kenne sie halt noch nicht.Berücksichtigt man die Schönheit dieser zunächst vielleicht unverständlichen neuen Prozess-Logik, so wird`s schon um vieles leichter und Verhaftungen an alte Ordnungen lassen sich besser loslassen. - Schrittweise stellt sich ein völlig verändertes „durchgängiges“ Körpergefühl und eine konstantere Wahrnehmung des QI- Gefühls ein. Diese Veränderungen bedingen jedoch gleichzeitig ein „Durcharbeiten“ alter Emotionen, sowie eine kritisch reflektierende Haltung in diesem östlich- überlieferten Selbsterfahrungsprozess.

Reflexion

Nun, so einfach ist das nun auch wieder nicht- oder auch schon, egal.Was dazu gehört, ist sicher eine Portion an Reflexion dessen, was man da tut.Unlängst habe ich in einem Artikel über New Art History[14], eine postmoderne Form von Kunstbetrachtung,  (wobei es genau um selbiges, nämlich um eine holistische Form der Kunstforschung geht) gelesen, dass es für diese Herangehensweise unerlässlich ist, dass der Kunstforscher/in die Geschichte der klassischen kunsthistorischen Tradition kennt.Ist dies nicht der Fall, so werden unbewusst alte Ordnungen und alte Fallen wieder dupliziert. Das scheint mir ein ganz wesentlicher Punkt zu sein. Der Quantenphysiker muss seine

Tradition kennen, muss sich die Geschichte seiner Disziplin immer wieder selber erzählen, um offen für neue Fragen zu sein, ja um sie überhaupt erst stellen zu können, um nicht gewollt oder ungewollt alte Hierarchien wieder aufzubauen. Das heißt nicht, dass Altes nun nicht mehr gelten würde, es heißt vielmehr, dass sich eben der Blickwinkel verändert (hat).

Auch für östliche „Methoden“ scheint es mir wichtig, die Geschichte dieser Traditionen  zu reflektieren. Die Tradition mit ihrer klassischen kultur- und kontextbezogenen Herangehensweise zu kennen (für Anfänger zumindest in wenigen Ansätzen) ist Voraussetzung für ein gewinnbringendes Praktizieren. Erst dann werden mache Übungsanleitungen verständlich und man kann diese oft dogmatischen oder überhaupt für unsere Zeit unsinnige„Regeln“ verlassen und trotzdem dem Prinzip, der Essenz des Wissens folgen und auf der Spur bleiben.

Andererseits ist es an der Zeit unsere eigene Kulturgeschichte des „Bewegungs-, Körper- Geist- Seele – Denkens“, zu reflektieren. Wir könnten unsere kulturellen Wurzeln würdigen, wie z. B. die Fähigkeiten eines kritisch reflektierenden rationalen Vernunftdenkens, ohne jedoch daran „haften“ zu bleiben. Wird rationales Denken integriert und nicht  negiert, so ist dies sicher eine gute Voraussetzung um nicht in esoterische obstruse „Denkfallen“ zu tappen. Ken Wilber nennt ein, um die Fähigkeiten der Meditation und Kontemplation erweitertes, Bewusstsein passernderweise „transrational“.

Vielleicht passiert es dann weniger, dass östliche „Methoden“ instrumentalisiert werden, wie es z. B. in der ganzen Wellnessbewegung gerade geschieht, um auf Entspannungssehnsucht getrimmte Erfolgsmenschen kurzfristig zu befriedigen.Gemeint ist, Traditionen zu kennen, ohne sie ad acta zu legen, einfach zu reflektieren mit welchen kulturellen Wurzeln man konfrontiert ist.

Wenn man sich ein wenig dieser Dinge bewusst ist, braucht man alte (hierarchische und dogmatische) Ordnungen nicht wieder aufzurichten, gewisse Fragen erübrigen sich. Wenn das alles aber nicht thematisiert wird, schleicht sich durch die Hintertür die alte Suche nach klassischen Sicherheiten, Strukturen (Rezepten) und Wahrheiten immer wieder ein. (das tun sie sowieso, dann aber vielleicht weniger)

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